21 Minuten 6 Monaten

🌿 Spuren der Schöpfung – Entdeckungen aus der Natur


🐦 1. Serie: Was Vögel uns lehren


🪶 Episode 9 – Jungvögel und die Kunst des Überlebens

Wie aus einem hilflosen Küken ein selbstständiger Vogel wird


🐣 Einleitung: Das gefährlichste Kapitel eines Vogellebens

Ein frisch geschlüpfter Vogel steht am Anfang einer erstaunlichen Entwicklung. Innerhalb weniger Wochen oder Monate muss aus einem Küken, das bei manchen Arten nackt, blind und vollständig abhängig zur Welt kommt, ein Tier werden, das seine Körpertemperatur reguliert, Nahrung findet, Gefahren erkennt, sich orientiert und schließlich fliegt. Bei anderen Arten verlassen die Jungen dagegen schon kurz nach dem Schlupf das Nest, laufen ihren Eltern hinterher und suchen teilweise selbst nach Nahrung. So unterschiedlich diese ersten Lebenstage aussehen, haben sie doch eines gemeinsam: Die Jugendphase gehört zu den anspruchsvollsten Abschnitten eines Vogellebens.

Jungvögel müssen in kurzer Zeit enorme Veränderungen bewältigen. Muskeln wachsen, Federn entwickeln sich, Knochen und Sinnesorgane reifen, das Nervensystem verarbeitet immer mehr Umweltinformationen, und angeborene Verhaltensweisen verbinden sich zunehmend mit Erfahrung. Gleichzeitig können Fehler ernste Folgen haben. Ein unvorsichtiger Jungvogel kann einem Räuber zum Opfer fallen, ein schlecht ernährtes Küken wächst langsamer, und ein junger Fluganfänger muss lernen, Geschwindigkeit, Entfernung und Landung zu kontrollieren, obwohl er noch kaum Flugerfahrung besitzt.

Trotzdem beginnt ein Jungvogel diese anspruchsvolle Lebensphase nicht völlig unvorbereitet. Sein Körper besitzt bereits Entwicklungsprogramme und Verhaltensbereitschaften, während Eltern bei vielen Arten Nahrung, Wärme, Schutz und Informationen bereitstellen. Lernen kommt dort hinzu, wo die Umwelt nicht vollständig vorhersehbar ist. Die „Kunst des Überlebens“ besteht deshalb nicht aus einer einzigen außergewöhnlichen Fähigkeit. Sie entsteht aus dem Zusammenspiel von Entwicklung, Instinkt, Fürsorge, Übung und Anpassungsfähigkeit.


🥚 1. Schon vor dem Schlupf wird der Jungvogel vorbereitet

Die Entwicklung eines Vogels beginnt lange bevor wir das Küken sehen. Im Ei entsteht aus einer befruchteten Zelle ein komplexer Organismus mit Herz, Kreislauf, Nervensystem, Augen, Schnabel, Gliedmaßen und schließlich einem ersten Federkleid. Der Dotter stellt einen großen Teil der benötigten Nährstoffe bereit, während Eiweiß, Wasser, Mineralstoffe und die besonderen Strukturen des Eis weitere Voraussetzungen für die Entwicklung liefern.

Gegen Ende der Brutzeit ist der Jungvogel bereits weit genug entwickelt, um aktiv am Schlupf mitzuwirken. Viele Küken besitzen einen vorübergehenden Eizahn, mit dem sie die Schale bearbeiten. Zunächst wird häufig die innere Membran zur Luftkammer geöffnet. Dadurch beginnt eine wichtige Übergangsphase von der Versorgung über die Strukturen des Eis zur selbstständigen Lungenatmung.

Der Schlupf selbst ist körperlich anstrengend und kann Stunden dauern. Das Küken muss sich bewegen, die Schale Stück für Stück öffnen und schließlich seinen Körper daraus befreien. Bereits dieser erste Schritt zeigt, dass Geburt bei Vögeln kein passiver Vorgang ist.

Wenn das Küken die Schale verlässt, beginnt also nicht erst die biologische Vorbereitung. Es tritt vielmehr aus einer langen Entwicklungsphase in eine neue Lebensumgebung ein.


🪺 2. Nesthocker und Nestflüchter starten völlig unterschiedlich

Eine der auffälligsten Besonderheiten bei Jungvögeln ist, wie unterschiedlich weit sie beim Schlupf entwickelt sein können. Viele Singvögel, Spechte oder Greifvögel gehören zu den sogenannten Nesthockern. Ihre Jungen schlüpfen relativ hilflos. Sie können ihre Körpertemperatur zunächst nur eingeschränkt regulieren, besitzen wenig Gefieder und sind bei manchen Arten anfangs blind. Ohne elterliche Versorgung könnten sie kaum überleben.

Enten, Gänse, Hühner und viele Bodenbrüter verfolgen dagegen eine andere Strategie. Ihre Jungen gehören zu den Nestflüchtern. Sie schlüpfen mit offenen Augen und einem isolierenden Dunenkleid, können oft bereits nach kurzer Zeit laufen und folgen ihren Eltern. Viele beginnen bald selbstständig kleine Nahrungsteile aufzunehmen.

Zwischen diesen beiden Extremen existieren zahlreiche Übergangsformen. Die Vogelwelt kennt also nicht nur eine einzige erfolgreiche Entwicklungsstrategie.

Nesthocker investieren einen großen Teil ihres Wachstums in die Zeit nach dem Schlupf und profitieren von intensiver elterlicher Versorgung. Nestflüchter müssen dagegen bereits im Ei weiter entwickelt sein, was andere Anforderungen an Eigröße, Brutdauer und Energiereserven stellt. Beide Strategien können funktionieren, solange die übrigen Teile des Fortpflanzungssystems dazu passen.


🌡️ 3. Wärme kann über Leben und Tod entscheiden

Für kleine Jungvögel ist die Regulierung der Körpertemperatur eine besondere Herausforderung. Aufgrund ihres ungünstigen Verhältnisses zwischen Körperoberfläche und Körpervolumen verlieren sie Wärme relativ schnell. Nesthocker besitzen außerdem zunächst noch kein vollständig entwickeltes isolierendes Gefieder.

Eltern müssen ihre Jungen deshalb häufig wärmen. Sie setzen sich über die Küken oder bedecken sie mit dem Körper und schaffen dadurch ein geeignetes Mikroklima. Bei kaltem Wetter kann diese Brutpflege besonders wichtig sein.

Mit zunehmendem Wachstum verbessert sich die eigene Temperaturregulation. Federn entwickeln sich, die Körpermasse nimmt zu, und Stoffwechselprozesse werden leistungsfähiger. Dadurch werden die Jungen schrittweise unabhängiger von der Wärme der Eltern.

Das Timing dieser Entwicklung ist entscheidend. Würde ein Jungvogel das Nest verlassen, bevor Isolation und Stoffwechsel ausreichend funktionieren, könnte bereits eine kalte Nacht gefährlich werden.


🍽️ 4. Wachstum verlangt enorme Mengen an Nahrung

Jungvögel wachsen teilweise mit erstaunlicher Geschwindigkeit. Dafür benötigen sie Energie, Proteine, Fette, Mineralstoffe und andere Nährstoffe. Bei Nesthockern bedeutet das für die Eltern eine intensive Fütterungsphase.

Kleine Singvögel können während der Jungenaufzucht unzählige Male am Tag Nahrung zum Nest bringen. Insekten spielen dabei selbst bei Arten eine wichtige Rolle, die sich als Erwachsene teilweise stärker von Samen oder Früchten ernähren. Der Grund liegt in ihrem hohen Protein- und Nährstoffgehalt, das für schnelles Wachstum besonders wertvoll sein kann.

Andere Vogelarten füttern Fisch, kleine Wirbeltiere, Samen, Früchte oder vorverdaute Nahrung. Tauben und Flamingos besitzen sogar besondere Formen nährstoffreicher Sekrete, mit denen sie ihre Jungen versorgen.

Entscheidend ist, dass die Nahrung zur Entwicklungsphase passt. Ein wachsender Organismus benötigt andere Ressourcen als ein erwachsener Vogel, der vor allem seinen bestehenden Körper erhalten muss.

Die Versorgung eines einzigen Geleges kann deshalb eine erhebliche energetische Belastung für die Eltern darstellen.


👄 5. Bettelrufe sind Teil eines Kommunikationssystems

Jungvögel warten nicht schweigend auf Nahrung. Viele Nesthocker öffnen ihre Schnäbel weit, bewegen sich auffällig und geben charakteristische Bettelrufe ab, sobald ein Elternvogel erscheint.

Diese Signale können Informationen über Hunger und Zustand der Jungen vermitteln. Eltern reagieren darauf und verteilen Nahrung innerhalb des Nestes. Das System ist allerdings komplex, denn mehrere Geschwister konkurrieren häufig gleichzeitig um Aufmerksamkeit.

Die auffälligen Schnabelinnenseiten vieler Jungvögel können zusätzlich visuelle Signale liefern, besonders in dunklen Nestern. Bei einigen Arten sind diese Bereiche intensiv gefärbt oder besitzen markante Zeichnungen.

Damit greift das Thema unmittelbar auf Episode 7 zurück: Kommunikation ist bereits in einer sehr frühen Lebensphase entscheidend. Das Küken muss keine Sprache erlernen, um seinen Bedarf mitzuteilen. Grundlegende Signale sind biologisch vorbereitet und können später durch Erfahrung beeinflusst werden.


🛡️ 6. Ein Nest ist Schutzraum – aber keine Festung

Nester bieten Jungvögeln Schutz, doch sie können Räuber nicht vollständig fernhalten. Schlangen, Säugetiere, andere Vögel und zahlreiche weitere Tiere können Eier oder Jungvögel erbeuten.

Vogelarten nutzen deshalb unterschiedliche Strategien. Manche bauen ihre Nester hoch in Bäumen, andere verstecken sie dicht in Vegetation oder legen sie in schwer zugänglichen Höhlen an. Tarnfarben können Nest und Jungvögel optisch mit der Umgebung verschmelzen lassen.

Eltern verhalten sich in Nestnähe häufig ebenfalls vorsichtig. Manche vermeiden auffällige Flugwege, entfernen Kotpakete der Jungen oder tragen Eierschalen fort, die einen Nistplatz verraten könnten.

Andere Arten verteidigen ihre Jungen aktiv oder versuchen, einen Feind vom Nest wegzulocken. Bekannt ist beispielsweise das Ablenkungsverhalten mancher Bodenbrüter, die eine Verletzung vortäuschen und dadurch einen Räuber dazu bringen können, ihnen statt den Jungen zu folgen.

Schutz entsteht also aus Nestbau, Tarnung, Verhalten und elterlicher Wachsamkeit gemeinsam.


👀 7. Junge Vögel müssen Gefahren erkennen lernen

Angeborene Vorsicht allein reicht nicht aus, um jede Gefahr richtig einzuschätzen. Die Umwelt ist zu vielfältig, und nicht jeder bewegliche Gegenstand ist ein Feind.

Jungvögel besitzen deshalb häufig grundlegende Reaktionsbereitschaften, die durch Erfahrung verfeinert werden. Sie beobachten das Verhalten ihrer Eltern und anderer Artgenossen und lernen, bestimmte Warnrufe mit Gefahr zu verbinden.

Soziale Information kann dabei besonders wertvoll sein. Ein Jungvogel muss nicht jede gefährliche Situation selbst erleben, um daraus zu lernen. Reagieren erfahrene Tiere alarmiert auf einen bestimmten Feind, kann auch der Nachwuchs entsprechende Verhaltensweisen übernehmen.

Dadurch wird Lernen wesentlich sicherer. Eigene Erfahrung bleibt wichtig, aber Informationen anderer Tiere reduzieren die Zahl potenziell tödlicher Fehler.


🪶 8. Federn verändern das Leben des Jungvogels

Bei vielen Nesthockern ist das anfängliche Federkleid nur schwach entwickelt. In den folgenden Tagen wachsen Federn mit hoher Geschwindigkeit. Zunächst erscheinen Federkiele, aus denen sich schließlich die vollständigen Kontur- und Flugfedern entfalten.

Damit verändert sich der Jungvogel grundlegend. Das Gefieder verbessert die Wärmedämmung, schützt die Haut und schafft schließlich die aerodynamischen Voraussetzungen für den Flug.

Das Wachstum der Federn ist energetisch aufwendig. Keratin muss in großen Mengen produziert werden, und die jungen Federn werden während ihrer Entwicklung durchblutet und mit Nährstoffen versorgt.

Besonders die Schwung- und Steuerfedern müssen weit genug entwickelt sein, bevor der erste Flug sinnvoll möglich wird. Der Jungvogel kann nicht mit halb ausgebildeten Flügelstrukturen dieselbe Leistung erbringen wie ein erwachsener Vogel.

Episode 3 über Federn erhält damit eine weitere Dimension: Federn sind nicht nur erstaunliche Strukturen, sondern ihr rechtzeitiges Wachstum entscheidet darüber, wann ein Jungvogel eine völlig neue Lebensweise beginnen kann.


✈️ 9. Der erste Flug ist kein perfekter Flug

Der Moment, in dem ein Jungvogel erstmals das Nest verlässt, wirkt dramatisch. Doch der erste Flug ist normalerweise nicht mit der Flugleistung eines erwachsenen Tieres vergleichbar.

Junge Vögel müssen Muskelkraft, Gleichgewicht, Flügelbewegungen, visuelle Wahrnehmung und räumliche Einschätzung miteinander koordinieren. Die grundlegenden Bewegungsmuster sind biologisch vorbereitet, doch ihre präzise Anwendung verbessert sich durch Übung.

Landungen sind dabei besonders anspruchsvoll. Der Vogel muss Geschwindigkeit reduzieren, Entfernung einschätzen, Füße ausrichten und einen geeigneten Landeplatz treffen. Junge Tiere landen deshalb gelegentlich ungeschickt oder wählen ungünstige Stellen.

Mit jeder erfolgreichen Flugphase sammelt das Nervensystem neue Informationen. Muskeln werden trainiert, Bewegungsabläufe präziser und die Reaktion auf Luftströmungen verbessert sich.

Fliegen ist somit weder ausschließlich Instinkt noch ausschließlich Lernen. Die anatomische und neuronale Grundlage muss vorhanden sein, doch Erfahrung verwandelt erste Flugfähigkeit in sichere Beherrschung.


🌳 10. Ein Ästling ist nicht unbedingt verlassen

Menschen finden im Frühling häufig einen jungen Vogel am Boden oder auf einem niedrigen Ast und nehmen an, er sei aus dem Nest gefallen und benötige sofort Hilfe. Bei vielen Singvögeln ist diese Situation jedoch völlig normal.

Solche jungen Vögel werden als Ästlinge bezeichnet. Sie haben das Nest bereits verlassen, obwohl ihre Flugfähigkeit noch nicht vollständig entwickelt ist. Die Eltern befinden sich häufig in der Nähe und füttern sie weiterhin.

Diese Zwischenphase ermöglicht dem Jungvogel, seine Flugmuskulatur und Koordination außerhalb des engen Nestes weiterzuentwickeln. Gleichzeitig kann sie gefährlich sein, weil Katzen, Verkehr und andere menschlich verursachte Risiken hinzukommen.

Deshalb sollte ein scheinbar allein sitzender Jungvogel nicht automatisch mitgenommen werden. Nur bei offensichtlicher Verletzung, unmittelbarer Gefahr oder tatsächlich verwaisten Tieren ist menschliches Eingreifen sinnvoll; im Zweifel können Wildvogelstationen fachkundig beraten.

Die beste Hilfe besteht manchmal darin, die natürliche Elternfürsorge nicht unnötig zu unterbrechen.


🧠 11. Selbstständigkeit entsteht durch Lernen

Nach dem Verlassen des Nestes ist die Entwicklung noch lange nicht abgeschlossen. Junge Vögel müssen Nahrung erkennen, geeignete Suchorte finden, Feinde unterscheiden, soziale Regeln lernen und je nach Art komplizierte Jagd- oder Nahrungstechniken beherrschen.

Bei Greifvögeln kann die Entwicklung erfolgreicher Jagdtechniken längere Zeit dauern. Junge Tiere verfolgen manchmal ungeeignete Beute oder scheitern bei Angriffen, aus denen erfahrene Erwachsene wesentlich effizienter hervorgehen würden.

Auch das Öffnen bestimmter Samen, das Finden versteckter Nahrung oder der Umgang mit schwierigen Beutetieren kann Übung verlangen. Besonders intelligente Vogelgruppen wie Krähen oder Papageien zeigen ausgeprägte Lernfähigkeit und können komplexe Problemlösungsstrategien entwickeln.

Die Jugendphase ist deshalb eine Übergangszeit zwischen biologischer Grundausstattung und individueller Erfahrung. Das Tier beginnt nicht bei null, aber es beginnt auch nicht fertig.


🧭 12. Manche Jungvögel müssen bald Tausende Kilometer reisen

Für Zugvögel wartet nach dem Flüggewerden eine weitere außergewöhnliche Herausforderung. Jungtiere, die erst wenige Monate oder sogar Wochen zuvor geschlüpft sind, müssen sich auf eine Reise begeben, die über Länder, Meere oder Kontinente führen kann.

Bei manchen Arten ziehen junge Vögel mit erfahrenen Erwachsenen und können Routen kennenlernen. Bei anderen starten sie weitgehend unabhängig. Dort müssen angeborene Zugprogramme eine besonders wichtige Rolle spielen.

Wie wir in Episode 2 und Episode 5 gesehen haben, können genetisch beeinflusste Orientierungsprogramme Informationen über Richtung und zeitliche Abläufe liefern. Magnetfeld, Sonnenstand, Sterne und Landschaftsmerkmale können zusätzlich genutzt werden.

Ein Jungvogel kann auf seiner ersten Reise noch keine Erinnerung an das Winterquartier besitzen. Dennoch erreicht ein großer Teil der Tiere geeignete Regionen. Spätere Reisen können dann durch Erfahrung präziser werden.

Hier zeigt sich besonders eindrucksvoll, wie angeborene Information und Lernen aufeinander aufbauen.


👨‍👩‍👧 13. Elternfürsorge endet bei jeder Art zu einem anderen Zeitpunkt

Nicht alle Vogeleltern betreuen ihre Jungen gleich lange. Bei manchen Arten endet die Versorgung relativ bald nach dem Flüggewerden. Andere Familien bleiben über längere Zeit zusammen.

Große Vögel mit komplizierten Nahrungstechniken können besonders lange Lernphasen besitzen. Bei manchen Arten begleiten Jungtiere ihre Eltern über Monate und lernen dabei Nahrungssuche, soziale Verhaltensweisen oder Zugwege.

Diese Unterschiede stehen mit Lebensweise, Entwicklungsdauer und Umweltbedingungen in Zusammenhang. Eine Art, deren Nahrung leicht zu finden ist, stellt andere Anforderungen an junge Tiere als eine Art, die anspruchsvolle Jagdtechniken beherrschen muss.

Elternfürsorge ist deshalb keine einheitliche Phase, sondern Teil der jeweiligen Lebensstrategie.


⚖️ 14. Warum Jungvögel nicht vollständig vorbereitet schlüpfen

Man könnte fragen, warum ein Jungvogel überhaupt eine so gefährliche Lernphase durchlaufen muss. Wäre es nicht besser, wenn er bereits mit allen Fähigkeiten eines Erwachsenen schlüpfen würde?

Biologisch wäre das mit erheblichen Kosten verbunden. Ein vollständig entwickelter Vogel müsste bereits im Ei wesentlich größer und weiter gereift sein. Das würde größere Eier, mehr Ressourcen und längere Entwicklungszeiten erfordern. Gleichzeitig könnten bestimmte Fähigkeiten ohne praktische Erfahrung in einer wechselnden Umwelt kaum vollständig optimiert werden.

Lernen besitzt deshalb einen entscheidenden Vorteil: Es ermöglicht Anpassung an konkrete Bedingungen. Der Vogel muss nicht jede mögliche Situation bereits biologisch „vorprogrammiert“ haben.

Die erfolgreiche Strategie besteht wiederum in einem Gleichgewicht. Was von Anfang an lebenswichtig ist, besitzt häufig eine starke angeborene Grundlage. Was von lokalen und wechselnden Bedingungen abhängt, kann stärker durch Lernen geprägt werden.


✝️ 15. Die christliche Perspektive: Leben wächst unter Fürsorge

Die Entwicklung eines Jungvogels bietet aus christlicher Sicht ein anschauliches Bild dafür, dass Leben sowohl Ausstattung als auch Fürsorge benötigt. Das Küken besitzt einen Körper mit erstaunlichen Entwicklungsmöglichkeiten, doch bei vielen Arten könnte es ohne Eltern nicht überleben. Nahrung, Wärme, Schutz und Orientierung werden ihm für eine begrenzte Zeit gegeben, bis es zunehmend selbstständig wird.

Jesus selbst verwendete Vögel mehrfach, um Menschen auf Gottes Fürsorge aufmerksam zu machen. Besonders bekannt sind seine Worte über die Vögel des Himmels, die vom himmlischen Vater erhalten werden. Solche Aussagen sind keine biologische Erklärung der Vogelentwicklung, aber sie zeigen, mit welchem Blick die Bibel die Natur betrachtet: Leben wird nicht als bedeutungsloser Vorgang dargestellt, sondern als etwas, das unter Gottes Fürsorge steht.

Die wissenschaftliche Untersuchung zeigt uns die konkreten Mechanismen dieser Fürsorge innerhalb des Vogellebens: elterliches Brutverhalten, Fütterung, Warnsignale, Nestschutz und Lernmöglichkeiten. Die christliche Perspektive sieht darin einen Teil jener Ordnung, durch die neues Leben erhalten und zur Selbstständigkeit geführt wird.

Dabei bleibt die Natur verletzlich. Nicht jeder Jungvogel überlebt. Gerade deshalb sollte eine christliche Sicht die Vogelwelt nicht romantisieren, sondern sowohl ihre Schönheit als auch ihre Gefährdung ernst nehmen.


🌿 16. Was uns Jungvögel über das Überleben lehren

Jungvögel zeigen besonders deutlich, dass Überleben nicht auf einer einzigen Fähigkeit beruht. Ein funktionierender Körper allein genügt nicht. Instinkt allein genügt ebenfalls nicht, und auch Lernen könnte ohne eine grundlegende biologische Ausstattung nicht beginnen.

Erfolgreiche Entwicklung entsteht aus dem Zusammenspiel mehrerer Ebenen. Das Ei stellt die erste geschützte Entwicklungsumgebung bereit. Eltern sorgen für Wärme und Nahrung. Angeborene Verhaltensweisen ermöglichen frühe Reaktionen. Federn und Muskeln entwickeln sich rechtzeitig für den Flug. Sinnesorgane liefern Informationen über die Umwelt, und Erfahrung verfeinert schließlich jene Fähigkeiten, die für ein selbstständiges Leben benötigt werden.

Gerade diese Verbindung ist bemerkenswert. Der Jungvogel wird nicht als fertiger Erwachsener geboren, aber seine Entwicklung besitzt eine Richtung. Körperliche Reifung und Verhalten greifen so ineinander, dass Schritt für Schritt neue Möglichkeiten entstehen.


Schlussgedanke: Vom geschützten Nest in eine große Welt

Am Anfang liegt ein Küken in einem Nest und ist vielleicht kaum in der Lage, seinen eigenen Kopf zu halten. Wenige Wochen später sitzt derselbe Vogel am Nestrand, schlägt mit inzwischen gewachsenen Flügeln und wagt den ersten Sprung. Bald darauf fliegt er zwischen Bäumen, sucht selbst Nahrung und reagiert auf Gefahren. Bei manchen Arten beginnt wenig später sogar eine Reise über Tausende Kilometer.

Zwischen diesen beiden Lebensphasen liegt eine Entwicklung von erstaunlicher Geschwindigkeit und Komplexität. Knochen wachsen, Muskeln werden kräftiger, Federn entfalten sich, Gehirn und Sinnesorgane reifen, angeborene Verhaltensweisen werden aktiviert und Erfahrungen gesammelt. Gleichzeitig begleiten die Eltern viele dieser Schritte mit Nahrung, Wärme, Schutz und Informationen.

Der Jungvogel muss lernen, aber er beginnt nicht ohne Ausstattung. Er wird geschützt, aber nicht dauerhaft abhängig gehalten. Seine Entwicklung führt ihn schrittweise aus der Sicherheit des Nestes in die Selbstständigkeit.

Vielleicht ist gerade diese Verbindung von Vorbereitung, Fürsorge und Lernen das Erstaunlichste an seiner Jugend. Ein kleiner Vogel wird nicht einfach größer. Er muss innerhalb kurzer Zeit zu einem vollständig handlungsfähigen Lebewesen werden, das seinen Platz in einer komplexen Umwelt einnehmen kann.

Wer diesen Weg vom Ei bis zum ersten selbstständigen Flug aufmerksam verfolgt, sieht weit mehr als das Heranwachsen eines Tieres.

Er entdeckt auch hier Spuren der Schöpfung.

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