🌿 Spuren der Schöpfung – Entdeckungen aus der Natur
🐦 1. Serie: Was Vögel uns lehren
🧭 Episode 5 – Instinkt ohne Lernen
Wie Vögel wissen, was sie niemals gelernt haben
🐣 Einleitung: Wissen vor der ersten Erfahrung
Ein junger Vogel schlüpft in eine Welt, die er nicht kennt. Er hat noch keinen Winter erlebt, keine lange Reise unternommen und keine Gelegenheit gehabt, jahrelang durch Versuch und Irrtum herauszufinden, wie ein Vogel überlebt. Trotzdem beginnt sein Leben nicht bei null. Schon sehr früh zeigt er Verhaltensweisen, die für Nahrungssuche, Schutz, Kommunikation oder später für Fortpflanzung und Orientierung entscheidend sind. Manche dieser Fähigkeiten werden durch Erfahrung verbessert, andere erscheinen bereits, bevor ein entsprechendes Vorbild beobachtet werden konnte.
Gerade deshalb gehört Instinkt zu den faszinierendsten Themen der Verhaltensbiologie. Im alltäglichen Sprachgebrauch wird das Wort häufig verwendet, wenn ein Tier etwas scheinbar „automatisch“ tut. Wissenschaftlich ist die Wirklichkeit differenzierter. Manche Verhaltensweisen beruhen stark auf angeborenen Programmen, andere benötigen bestimmte Umweltreize, und wieder andere entstehen aus einem Zusammenspiel von genetischer Ausstattung, Entwicklung und Lernen. Ein Vogel ist weder eine vollkommen vorprogrammierte biologische Maschine noch ein unbeschriebenes Blatt, das sämtliche lebenswichtigen Fähigkeiten erst nach der Geburt erwerben muss.
Diese Verbindung ist besonders sinnvoll, wenn man die Bedingungen des Lebens betrachtet. Ein Tier kann es sich nicht immer leisten, eine grundlegende Fähigkeit erst durch zahlreiche Fehler zu entdecken. Ein Küken muss beispielsweise auf bestimmte Gefahren reagieren können, bevor es genügend Erfahrungen gesammelt hat. Gleichzeitig wäre ein völlig starres Verhaltensprogramm ebenfalls nachteilig, weil Umweltbedingungen variieren. Die Vogelwelt zeigt deshalb eine bemerkenswerte Kombination: Eine grundlegende Ausstattung ist vorhanden, während Lernen dort hinzukommt, wo Flexibilität einen Vorteil bietet.
🧠 1. Was Instinkt eigentlich bedeutet
Unter instinktivem Verhalten versteht man vereinfacht Verhaltensweisen, deren grundlegende Organisation nicht erst individuell erlernt werden muss. Sie können durch bestimmte innere Zustände oder äußere Reize ausgelöst werden und treten bei Mitgliedern einer Art in charakteristischen Formen auf. Dabei darf man Instinkt nicht mit einem einfachen Reflex verwechseln.
Ein Reflex ist normalerweise eine relativ unmittelbare und stereotype Reaktion auf einen bestimmten Reiz. Wenn beispielsweise ein Reiz einen bestimmten sensorischen und motorischen Weg aktiviert, erfolgt eine schnelle Reaktion. Instinktives Verhalten kann dagegen wesentlich komplexer sein. Es kann aus längeren Bewegungsabläufen bestehen, vom Entwicklungszustand abhängen und nur unter bestimmten Bedingungen auftreten.
Ein Vogel muss dafür nicht bewusst verstehen, warum er etwas tut. Ein Zugvogel besitzt keine geografische Theorie seiner Wanderung, und ein Vogel, der ein Nest baut, benötigt keine Kenntnisse über Statik oder Materialwissenschaft. Dennoch kann sein Verhalten zu einem funktionalen Ergebnis führen.
Das Wort „Instinkt“ erklärt allerdings noch nicht den Mechanismus. Zu sagen, ein Vogel baue sein Nest „aus Instinkt“, ist zunächst nur eine Beschreibung dafür, dass wesentliche Bestandteile dieses Verhaltens nicht wie eine menschliche handwerkliche Fähigkeit vollständig unterrichtet werden müssen. Die interessantere wissenschaftliche Frage lautet: Welche Informationen sind angeboren, welche Reize lösen das Verhalten aus, wie entwickelt es sich und wie stark wird es durch Erfahrung verändert?
🥚 2. Verhalten beginnt nicht erst nach dem Schlüpfen
Die Entwicklung des Verhaltens beginnt bereits während der Embryonalzeit. Das Nervensystem eines Vogels entsteht nicht erst, wenn die Eierschale geöffnet wird. Schon im Ei entwickeln sich neuronale Netzwerke, Sinnesorgane und motorische Systeme. Küken können gegen Ende der Brutzeit sogar Geräusche aus ihrer Umgebung wahrnehmen.
Bei einigen Vogelarten kommunizieren Eltern und Küken bereits vor dem Schlupf akustisch miteinander. Solche vorgeburtlichen Erfahrungen können spätere Reaktionen beeinflussen. Damit wird deutlich, warum die einfache Trennung „angeboren oder gelernt“ manchmal zu grob ist. Ein Verhalten kann eine starke angeborene Grundlage besitzen und trotzdem bereits vor dem Schlüpfen durch Umweltinformationen beeinflusst werden.
Noch fundamentaler ist die genetisch gesteuerte Entwicklung des Nervensystems. Gene enthalten nicht einfach eine detaillierte Liste einzelner späterer Bewegungen. Sie beeinflussen vielmehr Entwicklungsprozesse, durch die Gehirn, Muskeln, Sinnesorgane und hormonelle Systeme entstehen. Erst dieses entwickelte biologische System ermöglicht bestimmte Verhaltensweisen.
Instinkt ist deshalb kein unsichtbares Paket fertiger Gedanken, das irgendwo im Gehirn gespeichert wird. Er entsteht aus einer komplexen körperlichen Ausstattung, deren Entwicklung bereits lange vor dem ersten sichtbaren Verhalten begonnen hat.
👄 3. Das Betteln eines Jungvogels muss nicht erklärt werden
Bei vielen Nesthockern sind Jungvögel nach dem Schlüpfen zunächst vollständig auf ihre Eltern angewiesen. Wenn ein Elternvogel am Nest erscheint, öffnen die Jungen ihre Schnäbel und zeigen Bettelverhalten. Bestimmte Geräusche, Erschütterungen oder visuelle Reize können solche Reaktionen auslösen.
Ein frisch geschlüpftes Küken muss nicht zunächst beobachten, wie ältere Geschwister erfolgreich um Nahrung bitten, und anschließend beschließen, dieses Verhalten zu imitieren. Grundlegende Komponenten sind bereits vorhanden. Das ist unmittelbar lebenswichtig: Ein Jungtier, das erst nach mehreren Tagen herausfinden müsste, wie es seine Eltern zur Fütterung veranlasst, hätte einen erheblichen Nachteil.
Dennoch ist auch Bettelverhalten nicht vollkommen starr. Jungvögel können ihre Reaktionen an Hungerzustand, Konkurrenz und andere Bedingungen anpassen. Eltern wiederum reagieren nicht immer identisch auf jedes Signal. Damit entsteht ein dynamisches Kommunikationssystem auf der Grundlage angeborener Verhaltensbereitschaften.
Hier sehen wir erstmals besonders deutlich das Verhältnis von Instinkt und Flexibilität: Das Grundprinzip muss früh funktionieren, während seine genaue Anwendung an die jeweilige Situation angepasst werden kann.
🪺 4. Nestbau: Handwerk ohne Unterricht?
Zu den eindrucksvollsten Beispielen angeborenen Verhaltens gehört der Nestbau. Die Vielfalt der Vogelnester ist enorm. Schwalben verarbeiten feuchten Schlamm, Spechte schaffen Höhlen in Holz, Webervögel verflechten Pflanzenfasern zu komplexen hängenden Konstruktionen, während andere Arten nur eine einfache Mulde am Boden nutzen.
Wie viel davon ist angeboren und wie viel wird gelernt? Experimente und Beobachtungen zeigen, dass bei vielen Arten grundlegende Elemente des Nestbaus ohne direkten Unterricht auftreten können. Gleichzeitig verbessert Erfahrung häufig die Qualität. Junge Vögel können bei ihren ersten Nestern weniger geschickt sein als ältere Tiere, Materialien weniger effizient verarbeiten oder ungünstigere Entscheidungen treffen.
Besonders interessant ist die Materialwahl. Vögel müssen Strukturen erkennen, die sich für ihre jeweilige Bauweise eignen. Ein Webervogel braucht biegsame Pflanzenfasern, andere Arten suchen Zweige, Moos, Haare oder Schlamm. Dabei kann Erfahrung beeinflussen, welche Materialien bevorzugt und wie effizient sie verarbeitet werden.
Nestbau ist deshalb ein gutes Gegenbeispiel zur Vorstellung, Instinkt bedeute starre Perfektion vom ersten Versuch an. Das grundlegende Verhaltensprogramm kann angeboren sein, während Übung die Ausführung verbessert. Man könnte sagen: Der Vogel muss nicht erst erfinden, dass und grundsätzlich wie er ein Nest seiner arttypischen Form baut; dennoch kann er lernen, es besser zu tun.
🐤 5. Der Kuckuck und ein Verhalten ohne elterliches Vorbild
Besonders eindrucksvoll wird die Frage nach angeborener Information bei Brutparasiten wie dem Kuckuck. Ein junger Kuckuck wächst nicht bei seinen biologischen Eltern auf. Das Weibchen legt sein Ei in das Nest einer anderen Vogelart, und die Wirtseltern ziehen den Jungvogel auf.
Damit entsteht ein bemerkenswertes Problem: Der junge Kuckuck kann zentrale arttypische Verhaltensweisen nicht einfach von seinen eigenen Eltern abschauen. Dennoch wird er später nicht zum Verhaltensmitglied der Wirtsart. Wenn die Zeit gekommen ist, zeigt er arttypische Zugbewegungen und findet in späteren Lebensphasen Artgenossen.
Beim europäischen Kuckuck ziehen junge Tiere teilweise unabhängig von erfahrenen Erwachsenen in ihre Überwinterungsgebiete. Sie können also nicht einfach einem Elternvogel folgen, der ihnen die gesamte Route zeigt. Angeborene Komponenten des Zugprogramms müssen ihnen zumindest grundlegende Informationen über Richtung und Zeitpunkt liefern.
Dieses Beispiel macht deutlich, warum Lernen allein nicht sämtliche komplexen Verhaltensweisen erklären kann. Wenn das notwendige Vorbild fehlt, muss eine ausreichende Ausgangsinformation auf anderem Wege vorhanden sein.
Gleichzeitig wäre es falsch, daraus zu schließen, Erfahrung spiele für Kuckucke überhaupt keine Rolle. Auch sie können lernen und Umweltinformationen nutzen. Das Entscheidende ist vielmehr, dass Lernen auf einer bereits vorhandenen biologischen Grundlage aufbaut.
🧭 6. Der erste Vogelzug – eine Reise ohne vorherige Karte
Bereits in Episode 2 haben wir die erstaunliche Navigation der Vögel kennengelernt. Für unser Thema ist besonders der erste Zug eines Jungvogels interessant. Bei einigen Arten reisen Jungvögel gemeinsam mit erfahrenen Erwachsenen und können von ihnen lernen. Bei anderen beginnen junge Tiere ihre Wanderung weitgehend selbstständig.
Laboruntersuchungen haben gezeigt, dass Zugvögel während der entsprechenden Jahreszeit eine charakteristische Zugunruhe entwickeln. Selbst Tiere, die unter kontrollierten Bedingungen gehalten werden, zeigen dann verstärkte nächtliche Aktivität und bevorzugte Orientierungsrichtungen. Innere biologische Rhythmen und genetisch beeinflusste Programme spielen also eine wesentliche Rolle.
Bei bestimmten Arten scheint ein solches Programm nicht nur eine grobe Himmelsrichtung, sondern auch zeitliche Komponenten zu enthalten. Vereinfacht könnte ein Jungvogel für eine bestimmte Zeit eine bestimmte Zugrichtung bevorzugen und später seine Orientierung verändern. In der natürlichen Umwelt kommen dann weitere Informationen hinzu: Magnetfeld, Sonnenstand, Sterne, Landschaft, Wind und schließlich Erfahrung.
Damit wird Navigation zu einem hervorragenden Beispiel für die Arbeitsteilung zwischen Instinkt und Lernen. Angeborene Information ermöglicht den Einstieg in eine Aufgabe, bei der ein völliger Anfänger kaum Gelegenheit hätte, die grundlegenden Regeln durch zufällige Versuche selbst herauszufinden. Erfahrung kann anschließend Präzision und Flexibilität erhöhen.
🎵 7. Vogelgesang zeigt, wie Instinkt und Lernen zusammengehören
Kaum ein Verhalten zeigt die Verbindung angeborener und erlernter Komponenten so schön wie der Gesang vieler Singvögel. Ein Jungvogel besitzt biologische Voraussetzungen für den Gesang seiner Art, doch bei zahlreichen Arten muss er während einer empfindlichen Entwicklungsphase erwachsene Artgenossen hören, damit sich der typische Gesang vollständig entwickelt.
Das bedeutet: Ein Vogel kann nicht beliebig jeden Klang hören und daraus automatisch einen normalen arttypischen Gesang entwickeln. Sein Gehirn besitzt bestimmte Prädispositionen dafür, welche akustischen Muster besonders relevant sind. Gleichzeitig reicht die angeborene Ausstattung bei vielen Arten nicht aus, um ohne akustische Erfahrung den vollständig ausgeprägten Gesang hervorzubringen.
Junge Vögel durchlaufen dabei Lernphasen, die in mancher Hinsicht an den Spracherwerb des Menschen erinnern, obwohl Vogelgesang und menschliche Sprache natürlich nicht gleichgesetzt werden dürfen. Zunächst werden Laute gehört und gespeichert, später entstehen noch unvollständige Gesangsformen, die durch Übung zunehmend stabil werden.
Andere Vogelarten besitzen dagegen stärker angeborene Lautäußerungen. Die Gewichtung von Lernen und genetischer Ausstattung ist also selbst innerhalb der Vogelwelt unterschiedlich.
Gerade diese Unterschiede warnen vor einfachen Erklärungen. Die Natur kennt nicht nur „angeboren“ oder „erlernt“, sondern zahlreiche Kombinationen beider Faktoren.
🧠 8. Prägung – Lernen in einem genau bestimmten Zeitfenster
Ein berühmtes Phänomen der Verhaltensforschung ist die Prägung. Bei bestimmten Nestflüchtern, beispielsweise Gänsen und Enten, orientieren sich Jungtiere kurz nach dem Schlüpfen stark an einem geeigneten bewegten Objekt, normalerweise ihrer Mutter. Dieses frühe Lernen kann später nur eingeschränkt verändert werden.
Die Arbeiten von Verhaltensforschern machten das Phänomen weithin bekannt, doch biologisch ist vor allem das Zusammenspiel interessant. Das Küken wird nicht mit einem detaillierten visuellen Bild seiner individuellen Mutter geboren. Es besitzt jedoch eine angeborene Bereitschaft, während eines bestimmten Entwicklungsfensters auf bestimmte Reize zu reagieren und eine Bindung aufzubauen.
Das System verbindet damit Offenheit und Begrenzung. Die konkrete Information – wem das Küken folgt – kann durch Erfahrung gewonnen werden. Die Bereitschaft, dass in einer bestimmten Lebensphase eine solche Bindung entstehen soll, ist dagegen biologisch vorbereitet.
Das ist außerordentlich effizient. Die Umwelt liefert jene individuelle Information, die genetisch nicht sinnvoll im Voraus festgelegt werden könnte, während die angeborene Ausstattung bestimmt, wann und auf welche Art diese Information besonders wichtig ist.
⚠️ 9. Angeborene Gefahrenerkennung kann Leben retten
Auch beim Umgang mit Feinden zeigt sich das Zusammenspiel von angeborener Reaktion und Erfahrung. Jungvögel bestimmter Arten reagieren bereits früh auf charakteristische Formen, Bewegungsmuster oder Warnrufe. Gleichzeitig lernen viele Vögel im Laufe ihres Lebens, Gefahren genauer einzuschätzen.
Das ist sinnvoll, weil zwei gegensätzliche Fehler vermieden werden müssen. Ein Tier, das überhaupt nicht auf mögliche Gefahren reagiert, lebt riskant. Ein Tier, das dagegen vor jedem harmlosen Reiz flieht, verschwendet ständig Energie und verliert Zeit für Nahrungssuche oder Fortpflanzung.
Eine angeborene Vorsicht kann deshalb einen Ausgangspunkt schaffen, während Erfahrung die Unterscheidung verbessert. Jungtiere reagieren häufig weniger differenziert und lernen später, welche Tiere, Geräusche oder Situationen tatsächlich gefährlich sind.
Bei sozial lebenden Vögeln kommt eine weitere Ebene hinzu. Tiere können Warnreaktionen ihrer Artgenossen beobachten und dadurch Informationen über Gefahren gewinnen. Manche Arten lernen sogar, Warnrufe anderer Vogelarten zu verstehen. Aus einem angeborenen Grundsystem kann dadurch ein erstaunlich differenziertes Netzwerk erlernter Umweltinformationen entstehen.
🧬 10. Angeborenes Verhalten bedeutet nicht „ein Gen – ein Verhalten“
Wenn wir sagen, ein Verhalten habe eine genetische Grundlage, entsteht leicht ein falsches Bild. Man könnte sich vorstellen, irgendwo im Erbgut existiere ein einzelnes „Nestbau-Gen“, „Zug-Gen“ oder „Flucht-Gen“. So einfach funktioniert biologische Entwicklung jedoch normalerweise nicht.
Gene beeinflussen die Bildung von Proteinen, Zellen, Hormonsystemen, Sinnesorganen und neuronalen Netzwerken. Viele Gene wirken zusammen, und ihre Aktivität hängt teilweise von Entwicklungsstadium und Umweltbedingungen ab. Daraus entsteht ein Organismus, der bestimmte Verhaltensmöglichkeiten besitzt.
Auch Hormone können Verhalten zu bestimmten Zeiten aktivieren. Nestbau, Balz, Brutpflege und Zugverhalten treten nicht ständig in gleicher Stärke auf, sondern werden mit Jahreszeit, Fortpflanzungszustand und Umweltbedingungen koordiniert. Der Vogel besitzt die körperlichen Möglichkeiten möglicherweise bereits, doch bestimmte Verhaltensprogramme werden erst unter passenden Bedingungen besonders wahrscheinlich.
Instinkt ist deshalb nicht mit einer starren Computerdatei vergleichbar, die unverändert abgespielt wird. Er ist Ausdruck eines lebenden Systems, in dem Erbgut, Entwicklung, Nervensystem, Hormone, Sinnesreize und Erfahrung miteinander verbunden sind.
⚖️ 11. Warum die Mischung aus Instinkt und Lernen so wirkungsvoll ist
Eine ausschließlich angeborene Verhaltenssteuerung hätte einen offensichtlichen Vorteil: Sie könnte vom ersten notwendigen Moment an funktionieren. Gleichzeitig wäre sie wenig flexibel. Wenn sich Umweltbedingungen ändern, könnte ein völlig starres Programm ungeeignet werden.
Reines Lernen hätte das umgekehrte Problem. Es ermöglicht hohe Flexibilität, benötigt aber Zeit und Erfahrungen. Manche Fehler wären während dieser Lernphase zu gefährlich. Ein Jungvogel kann nicht hundertfach ausprobieren, ob ein bestimmter Feind gefährlich ist, und ein Zugvogel kann nicht beliebig viele falsche Kontinente anfliegen, bis er zufällig das richtige Winterquartier findet.
Die Kombination beider Prinzipien löst dieses Spannungsfeld. Angeborene Verhaltensbereitschaften schaffen eine funktionierende Ausgangsbasis. Lernen verfeinert diese Basis und passt sie an konkrete Bedingungen an.
Genau deshalb sollten wir Instinkt nicht als primitive Vorstufe intelligenten Verhaltens abwerten. In vielen Situationen ist eine schnelle, vorbereitete Reaktion effizienter als ein langwieriger Lernprozess. Andererseits sollte Lernen nicht als bloße Ergänzung ohne große Bedeutung betrachtet werden. Bei vielen Vogelarten erweitert es die angeborene Ausstattung erheblich.
Die eigentliche Leistung liegt im Zusammenspiel.
✝️ 12. Die christliche Perspektive: Leben beginnt nicht orientierungslos
Die Bibel beobachtet mehrfach Verhaltensweisen von Tieren, die ohne menschlichen Unterricht zuverlässig ausgeführt werden. Besonders eindrucksvoll heißt es im Buch Hiob über bestimmte Vögel und andere Tiere, dass Gott ihnen unterschiedliche Fähigkeiten und Verhaltensweisen gegeben hat. Auch Jeremia 8,7 verweist darauf, dass Zugvögel ihre bestimmten Zeiten kennen. Solche Texte sind keine modernen Abhandlungen über Verhaltensgenetik, zeigen aber eine grundlegende biblische Sichtweise: Tiere sind für ihre Lebensweise ausgestattet.
Für eine christliche Schöpfungsperspektive ist Instinkt deshalb besonders interessant. Ein Tier beginnt sein Leben nicht als vollkommen orientierungsloses Wesen, das jede lebenswichtige Regel selbst entdecken muss. Noch bevor Erfahrung umfangreich möglich ist, existieren Strukturen und Verhaltensbereitschaften, auf denen weiteres Lernen aufbauen kann.
Diese Sicht macht biologische Forschung nicht überflüssig. Die Aussage „Gott hat den Vogel ausgestattet“ beantwortet nicht die Frage, welche neuronalen Netzwerke ein Verhalten steuern, welche Gene an ihrer Entwicklung beteiligt sind oder wie Hormone und Umweltreize es beeinflussen. Solche Fragen bleiben wissenschaftlich interessant und verdienen genaue Untersuchung.
Die christliche Deutung setzt vielmehr auf einer anderen Ebene an. Sie fragt, wie wir eine Welt verstehen, in der Leben nicht nur körperliche Organe besitzt, sondern zugleich mit Verhaltensmöglichkeiten beginnt, die zu seiner Lebensweise passen. Für den Glaubenden kann gerade diese Verbindung von Körperbau und Verhalten Ausdruck der Weisheit des Schöpfers sein.
🌿 13. Was uns der Instinkt der Vögel lehrt
Der Instinkt der Vögel korrigiert zunächst eine menschliche Gewohnheit: Wir verbinden Wissen fast automatisch mit bewusstem Lernen. Wir besuchen Schulen, lesen Bücher, beobachten andere Menschen und sammeln Erfahrungen. Deshalb erscheint uns eine Fähigkeit ohne vorherigen Unterricht zunächst ungewöhnlich.
In der Tierwelt ist jedoch eine andere Form biologischer Information unverzichtbar. Ein Vogel muss nicht verstehen, warum er bestimmte Dinge tut, damit sein Verhalten funktional sein kann. Gleichzeitig zeigt uns die Forschung, dass Instinkt keineswegs bedeutet, Tiere würden immer perfekt und unveränderlich handeln. Viele angeborene Verhaltensweisen werden durch Lernen ergänzt, korrigiert und verfeinert.
Besonders faszinierend ist deshalb nicht die Vorstellung eines vollkommen programmierten Tieres, sondern die ausgewogene Verbindung von Vorbereitung und Offenheit. Das Jungtier erhält genügend Ausstattung, um überhaupt handlungsfähig zu sein, bleibt aber lernfähig genug, um Erfahrungen zu nutzen.
Nestbau, Vogelzug, Gesang, Prägung und Gefahrenerkennung zeigen unterschiedliche Varianten desselben Grundprinzips. Manche Informationen müssen früh verfügbar sein, andere können später ergänzt werden. Das Leben beginnt vorbereitet, aber nicht abgeschlossen.
✨ Schlussgedanke: Wenn der erste Versuch nicht wirklich der Anfang ist
Ein junger Zugvogel startet zu seiner ersten großen Reise. Er hat diese Strecke noch nie zurückgelegt. Ein junger Webervogel beginnt irgendwann, Pflanzenfasern zu einem Nest zu verarbeiten. Ein Küken reagiert auf Signale seiner Eltern, ohne zuvor eine Anleitung erhalten zu haben. Bei vielen Singvögeln wiederum verbindet sich eine angeborene Bereitschaft mit dem, was sie von erwachsenen Artgenossen hören.
Von außen sehen wir nur das Verhalten. Im Inneren steht dahinter ein Nervensystem, das sich bereits lange vor dem ersten sichtbaren Versuch entwickelt hat, verbunden mit Sinnesorganen, hormoneller Steuerung, genetischer Information und der Fähigkeit, Erfahrungen zu speichern.
Der vermeintliche „erste Versuch“ beginnt deshalb niemals wirklich bei null.
Gerade darin liegt das Faszinierende am Instinkt. Er macht Lernen nicht unnötig, sondern schafft häufig erst die Grundlage, auf der Lernen sinnvoll stattfinden kann. Der Vogel ist weder ein programmierter Automat noch ein orientierungsloser Anfänger. Er beginnt sein Leben mit einer Ausstattung, die zu seiner Art und Lebensweise passt, und kann diese durch Erfahrung weiterentwickeln.
Wenn ein kleiner Vogel etwas tut, das ihm niemand gezeigt hat, begegnen wir deshalb einer der stillsten und zugleich erstaunlichsten Formen biologischer Ordnung.
Und auch in diesem Wissen ohne Unterricht entdecken wir Spuren der Schöpfung.
