Jeder Mensch hat wenigstens eine Gabe | Dipl.Päd. Erika Piesslinger

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Der Himmel hat uns Menschen reichlich beschenkt auf den Lebensweg geschickt.

Nicht nur, dass uns Gott das Leben gibt, denn abseits von IHM gibt es nur den Tod, er hat uns auch Gaben, Talente und allerlei Fähigkeiten mit auf den Weg gegeben, die wir durch Einsatz, Fleiß und Training entwickeln und entfalten können. Dadurch dürfen wir lernen, mit dem großen Schöpfergott zusammenzuarbeiten.

 

Fotoquelle: www.pixabay.com/de

Wie Gott sich das vorstellt, hat er uns durch das Beispiel der Vögel gezeigt. ER hat den Vögeln den Instinkt gegeben, Nester zu bauen, aber Gott baut keine Nester für die Vögel.

Das heißt, Gott gibt uns Fähigkeiten für verschiedene Bereiche unseres Lebens. Diese Fähigkeiten zu entfalten, ist unser Vorrecht und unsere Aufgabe. Je enger wir mit ihm kooperieren, desto besser wird das Ergebnis sein.

Timmy war einer meiner Schüler, etwa 12 Jahre alt, als ich mit ihm folgende Erfahrung machte:

Er war als Integrationsschüler registriert und hatte gewaltige Behinderungen geistiger Art.

Seine Kindheit war sehr schlimm. Die Mutter war Alleinerzieherin von vielen Kindern, nachdem der Vater bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen war. Sie hatte den kleinen Timmy im Baby- und Kleinkindalter immer in einem dunklen Zimmer eingesperrt und sich nicht mit ihm beschäftigt. Dies war ihre Art der Ablehnung, weil sie den Kleinen nicht als weiteren „Schmarotzer“ in der bereits großen Familie haben wollte. So wuchs der Bub heran und kam irgendwann ins schulreife Alter und musste die Schulbank drücken, was eine wahre Qual für ihn war. In der Schule wurde er von seinen Mitschülern abgelehnt, weil sie ihn für extrem dumm hielten und ihn schon deshalb nicht zum Freund haben wollten. Seine Lehrer ließen ihn weitgehend spüren, welche Plage es war, ihn zu unterrichten. Timmy hatte also mehr Dornen als Rosen auf seinem Lebensweg.

Eines Tages musste ich seine Klasse im Zeichenunterricht beaufsichtigen. Er saß in der dritten Reihe ganz außen, war sehr klein und schmächtig, wirkte zerbrechlich und seine trüben Augen waren ohne Glanz und voller Traurigkeit. Er tat mir unendlich leid. In meinem Inneren dachte ich, dass Timmy wirklich keine Gabe hat, nicht einmal eine einzige. Er konnte dem Unterricht nie folgen, wusste nie eine Antwort auf eine Frage und war nie fröhlich. Armes Kerlchen!

Ich stand hinter ihm und beobachtete ihn, während er mit seiner Zeichnung begann.

Mit einem stumpfen, in der Mitte entzwei gebrochenen Bleistift, der am Ende abgelutscht und angeknabbert aussah und den er irgendwo aus seiner unappetitlich aussehenden Schultasche herausgezogen hatte, begann er Dschungeltiere zu zeichnen.

 

Fotoquelle: www.sweetpublishing.com

Nach wenigen Minuten hatte er ein Bild vor sich, wie ich es noch nie zuvor gesehen habe. Es war, als würde der Dschungel lebendig werden, als würden die Tiere mich jeden Moment anspringen! Mir blieb die Luft weg und ich musste den Atem anhalten. Mit seinen kleinen zarten Fingern verwischte er noch einige Konturen und legte seinen Stift lautlos weg. 

„Timmy, was hast du hier für ein wunderschönes Kunstwerk gezeichnet! Ich habe noch nie so schöne Tiere gesehen!“, sagte ich ihm anerkennend. Seine Freude war groß. Er wurde gelobt. So selten hatte er das vernommen. Dankbar blickte er in meine Augen. Mir wurde klar, Gott gibt jedem eine besondere Gabe.

Dipl.Päd. Erika Piesslinger

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